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Formale Paraphasien

In einer neurolinguistischen Einzelfallstudie analysiert BLANKEN (1990) als erster einen aphasischen Patienten (RB), der überzufällig häufig unter Wortfindungsstörungen litt, die sich über formale Paraphasien in Objektbenennungsaufgaben äußerten.
Sein hervorstechender Fehlertyp war untypisch für die Mehrzahl der Aphasiker: Er produzierte viele Wortsubstitutionen beim mündlichen Benennen [...]. Beim Benennen bestanden 64/250 Reaktionen aus phonologisch bezogenen Ganzwortsubstitutionen [...]. Reine semantische Paraphasien waren selten (5/250).
(BLANKEN 1996:44)
Phonologisch bezogene Ganzwortsubstitutionen, die keine semantische, sondern eine ausschließlich phonologische Ähnlichkeit zum Zielwort, wie beispielsweise Beutel anstatt EUTER aufweisen, werden in den letzten Jahren von Forschern häufiger beschrieben und werden abschließend unter Berücksichtigung der Frage von BLANKEN (1996:48), ob formale Paraphasien aus lexikalischen Fehlern oder aus phonematischen Fehlern, die sich nur zufällig zu neuen Wörtern zusammenfügen? entstehen, in dieser Arbeit diskutiert.
Die Fehlbenennungen wie Karre, Rose, Glas anstelle der intendierten Zielitems TASSE, HOSE und RAD legen - zumindest auf den ersten Blick und im Großen und Ganzen - (BLANKEN 1996:44) die Vermutung nahe, formale Paraphasien als Zufallsprodukt segmentaler Fehler (BLANKEN 1991:25) zu bewerten. Eine phonologische Analyse von RBs formalen Paraphasien zeigt aber eine hohe Zielwort-Übereinstimmung sowohl im Akzentmuster mit 97,8 Prozent, in der grammatischen Kategorie (Wortart) mit 95 Prozent, in der Silbenzahl mit 92 Prozent, als auch in den betonten Vokalen mit immerhin 79 Prozent, so daß BLANKEN (1990) und BEST (1996) bei der Entstehung formaler Paraphasien zurecht lexikalische Mechanismen in Betracht ziehen, die anhand zweier Modellvorstellungen der Wortverarbeitung expliziert werden.gif

Nach dem Ansatz der strengen Zwei-Stufen-Theorien mit zusätzlich postulierter Lemma-Ebene bewirkt eine ausgewählte semantisch-syntaktische Repräsentation - und nur diese - (KULKE/BLANKEN 1997:53) nach Aktivierung mehrerer Lemmata (= Lemma-Kohorte) die Aktivierung einer entsprechenden Lautstruktur. Bezüglich der Aktivierung von Lexemen wird im vorliegenden Fall die Hypothese vertreten, daß im Vergleich zur Lemma-Kohorte keine Lexem-Kohorte aktiviert wird, sondern nur ein Lexem zur Aktivierung bereitsteht, welches schließlich phonologisch encodiert wird. Aus pathologischen Gründen kann ein vom Stimuluswort abweichendes Lexem ausgewählt werden, das aber schließlich in der Regel ein semantisch eng verwandtes Lexem darstellt (BLANKEN 1996:40).
Nach BLANKEN (1996:44) gehen daher die Eigenschaften der formalen Paraphasien gut einher mit den Voraussagen interaktiver Netzwerktheorien, welche nämlich auch die Aktivierung von Lexem-Kohorten postulieren, so daß mehrere Lemmata auf der semantischen Ebene mehrere Lexeme auf der phonologischen Ebene aktivieren können.

Die Zielwörter haben hier permanent Konkurrenten, und Fehler entstehen dadurch, daß die Konkurrenten ``unbeabsichtigt'' das Rennen gewinnen, daß heißt mehr Aktivität besitzen als das jeweilige Zielwort.
(BLANKEN 1996:39)
Neben den Feedforward-Prozessen zusammen mit dem ``spreading activation''-Vorgang werden hier zusätzlich Feedback-Prozesse postuliert, welche zu einer erneuten Aktivierung jeweils übergeordneter Ebenen führen. Als Konsequenz dieses Ansatzes ist es den jeweils höheren Ebenen erlaubt, die niedrigere Ebene ein zweites Mal zu aktivieren, wodurch die Möglichkeit besteht, in die Fehlerprozesse der jeweils untergeordneten Ebene einzugreifen. Eine solche Einmischung von oben ist nach diskreten feedforward-Modellen, wie es die Zwei-Stufen Modelle darstellen, nicht möglich, da ``höhere'' Prozesse, zum Beispiel die Lemma-Aktivierung, bereits abgeschlossen sein müssen, sobald ``tiefere'' Prozesse, zum Beispiel die Lexem-Aktivierung, stattfinden.
Die formalen Eigenschaften spielen unter diesem Ansatz bei der lexikalischen Selektion eine entscheidende Rolle und können hier mit semantisch gesteuerten Informationen interagieren. Bezüglich der formalen Paraphasien bleibt noch zu klären, an welchem Ort der Interaktionsprozeß geschwächt ist.
Zunächst entscheidet sich BLANKEN (1996:49) - [u]m die Neigung zur Erhaltung der lexikalischen Form in phonologischen Fehlern zu klären - neben der Wortformverarbeitung für eine Einführung einer getrennt aufgeführten, aber nicht-autonomen Phonem- oder Segment-Ebene (BLANKEN 1991:31), die über einen interaktiven Mechanismus Informationen verarbeitet.gif Das Modell in Abbildung 29 illustriert im Rahmen der Netzwerkversion des Levelt-Modells die Interaktion zwischen den zwei Ebenen der Formverarbeitung.

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Abbildung 29: Die Wortproduktion erweitert um eine Ebene der segmentalen (phonematischen) Verarbeitung (Quelle: BLANKEN 1991:32)

Zwischen den formbezogenen lexikalischen Prozessen und den sublexikalischen, den segmentalen Prozessen, werden die interaktiven Aktivierungsabläufe als ``Feedback-Schleife'' bezeichnet.
Formbezogene Wortsubstitutionen entstehen nun aufgrund von Störungen der Interaktionsprozesse zwischen den aktivierten Wortformen auf der einen Seite und ihren Segmenten auf der anderen Seite. Mit steigender Aktivierung auf der Wortformebene werden alle mit den aktivierten Lexemen in Frage kommenden phonematischen Segmente auf der Phonem- bzw. Segment-Ebene ebenfalls aktiviert. Und nun setzt ein entscheidender Prozeß ein, der in keinem seriellen Modell vorgesehen ist: Von der Phonemebene geht ein Feedback (Rückkopplung) zur Ebene der Lexeme (Wortformen), wobei es vorkommen kann, daß auch Wortformen ohne semantische, sondern mit formaler Beziehung zum Zielwort aktiviert werden. Setzt sich diese Aktivierung durch, kommt es zu formalen Paraphasien, d.h. durch Feedback-Prozesse können andere ähnlich klingende Lexeme mitaktiviert werden, die eine Wortformsubstitution möglich machen.

Eine solche Erklärung steht nicht im Widerspruch zur Zwei-Stufen-Theorie der Lexikalisierung, denn sie verlagert den interaktiven Mechanismus auf post-semantische Prozesse. Beide interagierenden Prozeßebenen sind der Formverarbeitung zuzurechnen, und Lemma-Aktivation und Lexem-Aktivation bilden zwei distinkte und diskrete Stufen der Lexikalisierung.
(BLANKEN 1996:49)
Die aphasische Fehlreaktion Haar zum Stimuluswort HAND kann folgendermaßen beschrieben werden: Auf der Ebene der Lexeme wurden u.a. auch ARM, BEIN, WAND oder HAAR aktiviert. Über die Rückkopplung von den Phonemen zur Lexemebene wurden zwar die initialen Vokale richtig aktiviert, doch auch über die ``interaktive Aktivationsschleife'' konnte das Zielwort nicht ausreichend stark aktiviert werden, so daß letztendlich ein formbezogenes Wort Haar zum Stimuluswort HAND vom Aphasiker ausgewählt wurde. In bezug auf die Modellierung des Wortproduktionsprozesses kann somit festgehalten werden, daß das Fehlermuster bei RB nicht mit einer strengen seriellen Zwei-Stufen-Theorie verträglich ist. Nach der modularen Theorie einer autonomen Semantik-Komponente wären ausschließlich semantische Wortsubstitutionen zu erwarten, nicht jedoch formbezogene Fehler.

Bezüglich zukünftiger Forschungsprojekte im Rahmen der linguistischen Aphasiologie und Neurolinguistik plädiert BLANKEN (1991:34) für eine stärkere Einbeziehung von Fragen der Rehabilitation von Aphasikern, insbesondere der Sprachtherapie und des sprachlichen Lernens [...], denn der aphasische Patient will seine Sprachstörung überwinden:

Daß ich meine Krankheit auf so technische Weise betrachtete, war mir eine gute Hilfe. Ein eingestürzter Tunnel läßt sich sicher wieder in Ordnung bringen. Schickt man ausreichend viele Wörter hindurch, wird die Passage wohl allmählich größer. Und sucht man im Lager ständig nach neuen Wörtern, wird man sich schließlich einprägen können, wo sie liegen.
Es galt also, zu üben, zu üben, und noch einmal zu üben.
(TROPP ERBLAD 19973:40)
Vor diesem Hintergrund benötigt der Aphasiepatient brauchbare Hilfestellungen von außen, so daß hier die ``Fremdorganisation'', die innerhalb des dritten Prinzips der psycholinguistischen Theorien zur menschlichen Sprachverarbeitung nach RICKHEIT/
STROHMER (1992) postuliert wird, zum Ausdruck kommt. Bei der aphasischen Patientin TE ist der Wunsch nach gezielter Sprachtherapie nicht zu übersehen:
Wenn man sich nicht selbst berichtigt, ist es wichtig, daß andere es tun, damit die kleinen Gehirnarbeiter gezwungen werden, zurückzulaufen und das richtige Wort zu holen. Darin besteht ja das Training.
(TROPP ERBLAD 19973:42)

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Sun Jan 30 19:15:22 MET 2000